Einführungsrede zu Josef Bücheler – Mi Jean Kang

Kunstverein Radolfzell, 06. 07. 2018, Dr. Katrin Burtschell


das Leben besteht aus Linien, sie begegnen uns überall bewusst oder unbewusst an Oberflächen, als Einzelphänomen, dicht aneinandergesetzt werden sie zu Mustern, zu Flächen,
Linien verlaufen,
Linien verbinden,
Linien trennen,
Mi Jean Kang und Joseph Bücheler trennt das Leben, ihre Herkunft, ihr Wohnort, ihr Lebensalter, aber es verbindet sie die Kunst, die Liebe zur Natur, deren Wertschätzung in ihrer Kunst, die Wertschätzung der unglaublichen Formenvielfalt der Schöpfung, die Freude daran. Es verbindet sie die Linie der Zeichnung, die beide als wichtige Grundlage ihrer Kunst erfahren.
In getrennten Bereichen präsentiert, Mi Jean Kang im Obergeschoss und Josef Bücheler hier im Untergeschoss der wunderbaren Ausstellungsräume der Villa Bosch, begegnen sich die Arbeiten der beiden so unterschiedlichen Künstler in einer zarten Kommunikation.
Mi Jean Kangs Abenddämmerung umhüllt Josef Büchelers Objekte und Installationen.
Und im OG nimmt eins von Josefs Büchelers Objekten die Raummitte ein. Dieses Objekt, ähnlich diesem, das sich hier im Nebenraum befindet und das sie auch vom Titelbild des Flyers kennen, erinnert bei aller Abstraktion an Engelsflügel.
Etwas Stilles, Poetisches und auch Meditatives schwingt bei beiden Künstlern mit:
„ich bin im Engelsflügel eingeschlafen“, schreibt Mi Jean Kang in einem Text zu ihren Arbeiten. 2

Diese Assoziation der Engelsflügel empfinde ich als ein schönes, verbindendes Sinnbild für diese beiden Künstler.
Assoziation ist beabsichtigt, erwünscht, aber nicht vordergründig. Es geht um etwas anderes, zum Ausdruck gebracht durch die Abstraktion.
Bei beiden steht das autonome Kunstwerk im Vordergrund, das sich vor allen anderen Deutungen in ästhetischen Qualitäten behauptet. Eine ästhetische Qualität, die sich aus der Zweidimensionalität in die Dreidimensionalität bewegt. Tiefe sucht, formal und inhaltlich.
Der inzwischen 82-jährige Josef Bücheler schaut auf ein umfangreiches Werk zurück. Ein Werk, das ganz selbstverständlich eine Symbiose mit seinem unprätentiösen Urheber einzugehen scheint. Einem Künstler, der ähnlich wie die Bäume mit, an und auf denen er immer so gerne gearbeitet hat, tief verwurzelt scheint in Gelassenheit, Zufriedenheit und Glauben.
Der in Wiesbaden geborene Künstler stammt aus der Handwerkstradition: Tapezierer und Polsterer – das hätte seine Berufung werden sollen. Er folgt einem anderen Ruf, dem in die Kunst, zunächst in die Glasmalerei und dann Schritt für Schritt in die eigene künstlerische Position.
Gerne werden seine Arbeiten der Arte Povera zugeordnet, und wenn man sich bewusst macht, was seine Hauptinspirationsquelle war, nämlich ein Aufenthalt als Bildhauer und Werklehrer in Bangladesh 1979-82, wo ihm eine bis dahin in diesem Ausmaß noch nie gesehene Armut und die Beschränktheit von Möglichkeiten vor Augen geführt wurden, auch in der Auswahl von Material, dann ist dieser Vergleich natürlich naheliegend.
Im großen Doppelobjekt hier hält er diese Erfahrungen unmittelbar fest, Mit Graphit und Asche bearbeitet er die Oberflächen seiner Objekte und erzielt damit eine eindrückliche Schlichtheit und auch Erdverbundenheit.
Indien war in vielerlei Hinsicht eine wichtige Erfahrung für Josef Bücheler:
Dort experimentiert er mit Bambus und Papier. Den Bambus ersetzt er - zurück in Deutschland - durch Weidenruten. Zunächst experimentiert er mit Textilien. Papier stellt 3

sich aber als das geeignetere Material heraus, um die Weidenstöcke in der gewünschten Spannung zu fixieren.
Aber nicht nur für seine Objekte und Installationen, sondern auch für seine Zeichnungen, die wiederum auch Objekte sind, wird Indien wichtig:
Der Künstler wollte Palmen zeichnen, dabei ist ihm das Papier zerrissen aus Versehen, weil er mit so einer schweren Hand zeichnet (schon als Kind).
Dies wurde zu einer Art Offenbarung: Dreidimensionalität in der Zeichnung. Er hält an dieser Erfahrung fest und arbeitet auf mehreren Schichten Büttenpapier. Die Zeichnungen wirken auf den allerersten Blick so, als wäre ihnen noch ein zusätzliches Material beigefügt worden, aber es ist das vom Graphitstift aufgerissene vielschichtige Papier, das sich an manchen Stellen geradezu herausstülpt. Eine enorme Anstrengung bedeutet es so zu zeichnen, darum werden die Zeichnungen jetzt mit zunehmendem Alter auch seltener.
Seine viel jüngere Künstlerkollegin Mi Jean Kang befindet sich mittendrin, sie blickt zurück und nach vorne, befindet sich in einem künstlerischen Prozess. Aus einer gefestigten künstlerischen Position heraus beschreitet sie immer wieder Neuland, erkundet sie ihre Umgebung, die Natur und abstrahiert diese unermüdlich in ihren kleinformatigen Malereien.
Ihre Malerei ist geprägt von ihrer ganz persönlichen Sicht von Farbe und Linie, Fläche und Form. Die Linie ist das wesentliche Element ihrer Arbeit, mit ihr beginnt sie ein Bild und arbeitet sich über viele lasierende Schichten von Ölfarbe vor in die Dreidimensionalität, verleiht ihren Bildern Tiefe.
Aus Südkorea stammend, wo sie bereits Freie Kunst studierte, setzte sie ihr Studium mit dem Schwerpunkt Malerei dann in Deutschland an den Staatlichen Kunstakademien Düsseldorf und Braunschweig fort.
Die Malerei ist ihr Medium, intensive Farbigkeit ihr Ausdrucksmittel.
Das was bei Josef Bücheler bruchstückartig unter grauen Schichten von Asche, Graphit und Erde hervorblitzt, - fast schon an abstrakt expressionistische Bildoberflächen eines Jackson 4

Pollocks erinnernd - das tritt bei Mi Jean Kang klar an die Oberfläche, zieht den Betrachter in den Bann: Farbigkeit in all ihren Nuancen und Eigenwerten, strahlend, hell, durchscheinend.
Die Kraft der Farbe bei Josef Bücheler unter den Schichten von Erde, Asche und Graphit nur noch zu spüren, zu erahnen, explodiert bei Mi Jean Kang.
Es wäre spannend, den beiden bei der Arbeit zuzuschauen. Gelegenheit dazu gab es schon oft. Josef Bücheler arbeitete viel im öffentlichen Raum, griff immer wieder bewusst in die Natur und Landschaft ein, unter anderem mit seinen bekannten Baumskulpturen, die wir hier in der Ausstellung festgehalten in zwei Collagen zu sehen bekommen. Außerdem wird deutlich, wenn man sich mit ihm unterhält, dass es ihm zeitlebens besonders viel Freude gemacht hat, Kinder und Jugendliche an die Kunst heranzuführen, ihnen Freiraum zu geben.
Auch Mi Jean Kang lässt sich beim Arbeiten gerne über die Schulter schauen, oder lässt partizipieren, sich bei ihrer Linienführung von anderen inspirieren, wie in ihrer Serie Lebensspuren. Die Horizontale gab sie vor, die vertikalen Linien sind ganz individuell geprägt von und durch Mitmenschen entstanden. Diese Serie erinnert an die Ausschlagslinien eines Herz-EKGs. Die Linien erzählen von der Bewegtheit des Lebens. Wie die Herzschlagfrequenzen beinhalten sie Lebendigkeit, die Horizontale ist die Linie für Anfang und Ende zugleich, die Konstante, die sich durch unser aller Leben zieht.
Egal ob es die filigranen Zeichnungen oder die bunten Leinwände der Koreanerin oder die eigenwillig selbstverständlichen, robusten und doch zugleich zarten Kunstwerke des Rottweiler Künstlers sind. Beide kreisen um das Menschsein, die Auseinandersetzung mit der Natur, mit uns selber und mit unserer Rolle, unserem Platz im großen Ganzen. Beide Künstler stellen Fragen an sich, an die Umgebung, an das Material.
Material 5

Farbe
Raum
So lautet ja auch der Übertitel der Ausstellung, in der die beiden Künstler erstmalig aufeinandertreffen.
Das Material spielt eine ganz wichtige Rolle
Bei Josef Bücheler sind das vor allem Papier und Weidenruten, die gebogen zum Oval oder zum offen Halbkreis Bezug nehmen zum Raum. Die als geschlossenes, kompaktes Gebilde den Raum verdrängen oder als fahnenartige Gebilde in diesem schweben.
Die Zweige, zum Bogen gespannte Weidenruten, die Kordeln und Seile, sie bilden ein zeichnerisches Moment, brechen als Linien aus aus der Einheit suchen den Kontakt zum Raum, spielen mit Licht und Schatten.
Das Papier, häufig Zeitungspapier, wird mit Leim getränkt und in sich gebogen. Im Trocknungsprozess gewinnt das Papier Stabilität, um die innere Kraft, die Form zu halten und zur Skulptur zu werden. Deren Oberfläche bearbeitet der Künstler mit flüssigem Graphit, schlämmt sie mit Erde und mit leimgetränkter Asche.
Eigenwillige Kunstwerke sind es, bei denen der Künstler bewusst zurückgreift auf die Materialen, mit denen er in seiner Lehre handwerklich zu arbeiten gelernt hat.
Die Reduktion von Form und Material ist ihm wichtig, die innere Spannung, die zum Ausdruck kommt. Das Material muss mitarbeiten, die Spuren des Lebens sichtbar machen, bodenständig und ehrlich.
Materialität und Immaterialität bilden die Pole seiner Arbeit, so der Künstler. 6

Mi Jean Kang erobert sich den Raum, indem sich zwischen ihren bunten Farbtafeln eine Kommunikation entfaltet. Aus der Serie heraus ergibt sich eine Monumentalität in der Wirkung. Ihre Früchte-Serie ließe sich beliebig endlos fortsetzen, kein Bild gleicht dem anderen, obwohl es immer wieder dieselben Formen sind, die auftauchen. Unendliche Variationen, wie die Schöpfung mit ihrer überwältigenden, sich immer wiederholenden Formvielfalt.
Die Kugel dominiert diese Bildserie und ihre Bedeutung ist sehr ambivalent:
Ihre Form erlaubt uns die Assoziation zu Früchten, für die Künstlerin ist sie aber auch ein Symbol für die Konzentration aller Farben der Welt. In ihrer ganz persönlichen Vorstellungswelt ist es die Farbigkeit eines unschuldigen paradiesischen Zustandes.
Helligkeit, Strahlen, Durchsichtigkeit - das sind für Mi Jean Kang ganz wichtige Kriterien. Sie mag keine Dunkelheit oder Undurchsichtigkeit, nicht in der Kunst, nicht in der Natur und auch nicht an Menschen. Die Durchsichtigkeit von Wasser, in das man seine Hand tauchen und deren Bewegung verfolgen kann, das faszinierte sie schon von klein auf. Und diese Faszination begegnet uns in all ihren Serien und spiegelt sich auch wieder in den Titeln wie silberner Schein, goldenes Licht.
Durch die Kugel verstärkt sich in ihren Bildern auch der Eindruck der Durchsichtigkeit und der Dreidimensionalität, und hier befindet sie sich tatsächlich in der Tradition der Ölmalerei der großen altniederländischen Künstler des ausgehenden 15. Jahrhunderts. Die als Erfinder der Ölmalerei deren lasierende Vielschichtigkeit nutzten, um Glanzlichter zu setzen und die Illusion von Glas und Licht meisterhaft umzusetzen. Schon dort begegnet uns die Kugel immer wieder als Symbol und Illusionsmittel.
In ihren Lebenslandschaften und Mustern setzt sie Linie um Linie aneinander bis daraus Flächen entstehen, geometrische Muster. Wenn sie ein Motiv sieht, abstrahiert sie es bereits im Kopf. Sie malt nur aus der Erinnerung, aus der Interpretation der Erinnerung, nie nach Foto oder Abbild. Dabei geht es ihr immer um das Wiedergeben von den Dingen, die wir spüren, aber nicht sehen. Wind und Luft spürt man in den vibrierenden Linien der Künstlerin.
Bei Mi Jean Kang geht es um das Sichtbarmachen des Unsichtbaren. 7

Ganz im Sinne von Paul Klee: Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sie macht sichtbar!
Ihre abstrakten Formen sind ein Reflektieren über uns, unsere Umgebung.
Auch bei Josef Bücheler spielt das Reflektieren, das Meditieren, sich-in-eine-Sache-hinein-Versenken eine ganz wichtige Rolle. Nicht zuletzt natürlich begründet in der eigenen Vita, drei Jahre verbrachte er als junger Mann im Noviziat im Kloster. Drei wichtige Jahre, in denen er sich selber ergründete. Aber der Ruf der Kunst verhallte auch in dieser Zeit nicht. Man spürt in den Arbeiten den Moment spiritueller Auseinandersetzung mit dem Material, sich selber, dem Mensch, der Natur. In der Stille der Betrachtung muten seine Arbeiten an wie Gebetsfahnen.
Poetisch, zart
Eine besondere Werkgruppe Josef Büchelers bilden die Bäume. Für deren unbefangene und poetische Wahrnehmung steht eine kurze Geschichte:
Als der Künstler am Titisee in einem Baum arbeitet, fragt ihn ein kleines Mädchen:
„Was machst du da?“ Er sagte: „Ich mache dem Baum Flügel“
„Warum machst du dem Baum Flügel?
„Damit er besser träumen kann.“
Das Mädchen läuft weg. Nach einer Weile kommt es zurück und fragt:
„Kann der Baum wirklich träumen?“
Diese Frage kann der Künstler nicht beantworten, können wir nicht beantworten. Wir wissen es nicht. Aber, wie der Kunsthistoriker Werner Mayer treffend zu Ausdruck bringt: „ist es eine Gewissheit, dass Bildfindung mit Träumen zu tun hat, mit der Vorstellungskraft des Menschen jenseits des faktisch gegebenen.“ 8

„Ich bin im Engelsflügel eingeschlafen.“ Mein Körper schwebt in der Luft. Tief unten treibt ein roter Ball ins Meer hinaus. Schluchzend schreit ein Kind ihm nach. Die Erwachsenen schauen zu. Niemand kann ihm helfen. Mein Herz weint. Warum?
Ich möchte mich bei beiden Künstlern bedanken, dass sie mir Einblick gewährt haben in ihre Arbeiten, in ihre Weltsicht, in ihre Vorstellungskraft.
Denn eins ist klar, es bin nicht ich, es sind nicht die Worte drumherum, sondern es ist das Werk, das spricht. Ob und wie es Sie erreicht, das liegt an Ihnen selber. Mich hat es erreicht, berührt und sehr glücklich gemacht.